Schweizer Monat
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Intro
Von Raphaëlle Lacord
«Ich wünsche mir einen Urlaub mit Feuer und Ferne, und Bruno wünscht sich einen Urlaub ohne Alkohol.» So lautet der erste Satz des Romans, den ich derzeit übersetze: «Immer ist alles schön» von Julia Weber. Die Erzählerin, Anais, 12 Jahre alt, möchte mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder Bruno in die Ferien fahren. Sie träumt von Lagerfeuern und davon, woanders zu sein, weit weg von ihrer Wohnung in der Stadt und vom Alkoholismus der... » Mehr
Von Peter Torberg
Wie viele Übersetzer braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln?
Das kommt auf den Kontext an. 
Die Frage nach der guten, der idealen Übersetzung lässt sich ganz leicht beantworten: Das, was das Original intendiert, wird im Übertragungsprozess umfänglich verstanden und in der Zielsprache adäquat und lückenlos wiedergegeben. Umberto Eco nennt das in seinem gleichnamigen Buch zum Übersetzen: «Quasi dasselbe, mit anderen Worten».
Es... » Mehr
UNÜBERSETZBAR #1
Von Luzius Keller
Unübersetzbar, das darf nicht sein. Als Übersetzer setze ich mir in den Kopf: Alles ist übersetzbar – oder dann eben nichts. Nur allzu oft widerspricht jedoch das Resultat dem Anspruch. In einer vor kurzem erschienenen Übersetzung eines Gedichts von Pierre Chappuis stiess ich auf «stummen Schnee, der als Täufer den Weg ebnet». Das lässt sich leicht in andere Sprachen übersetzen – aber wie ist es gemeint? Auch der Kontext hilft nicht... » Mehr
UNÜBERSETZBAR #2
Von Miriam Mandelkow
Als der aus Trinidad stammende Schriftsteller Samuel Selvon 1956 mit seinem Roman «The Lonely Londoners» den ersten karibischen Einwanderern in England eine Stimme gab, schrieb er sich auch deshalb in die Literaturgeschichte ein, weil er das kreolisierte Englisch zur Literatursprache erhob. Ein un­erhört politischer Akt und bis heute Gegenstand zahlloser Abhandlungen über post­koloniales Erzählen. 
Dialekt mit Dialekt zu übersetzen, ist tabu, Dialekt... » Mehr
UNÜBERSETZBAR #3
Von Christa Schuenke

Manchmal stößt man beim Übersetzen auf Rätsel, die lange unlösbar scheinen, bis von unerwarteter Seite Rettung kommt. So erging es mir mit dem Pynchon-Mysterium.
In Isaac Bashevis Singers Roman Shadows on the Hudson steht der Satz: «Dawn is already breaking in Pynchon.»
Die Szene spielt 1948 in New York. Ein Telefongespräch zwischen dem Protagonisten und seiner Geliebten Esther. Beide stammen aus Warschau und leben seit über 20 Jahren in... » Mehr
Fehler in Übersetzungen
Von Ulrich Blumenbach

Ulrich Blumenbach, imago / Martin Bäuml Fotodesign.

Finstere Zeiten
Es war der Sommer der dankbaren Toten. Der Sommer der Liebe, des Friedens und der Glückseligkeit. Ich war weder verliebt noch sonderlich friedfertig oder glücklich. Am Vorabend hatte ich meine Wut und meinen Frust in einem Meer aus Bier und Likör ertränkt, und nun fühlte sich mein Schädel bedenklich verwundbar. Die ganze Nacht lang hatte brütende Hitze über der Stadt gehangen, und selbst der morgendliche Platzregen schien wenig...
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UNÜBERSETZBAR #4
Von Christoph Rentsch
Yoga kennt heute jeder: geschätzte 200 Millionen Sterbliche praktizieren es. Viele Übersetzungen der zugrunde liegenden Sanskrittexte – hunderte englische und deutsche und abertausende in anderen Sprachen – sind allerdings unzulänglich. Übersetzungen ganzer Sätze sind oft geradezu haarsträubend (etwa so, wie wenn man das Englische friendship zu Deutsch als Freundschiff übersetzen würde). Erst im letzten Jahrzehnt wagten sich seriöse... » Mehr
Sich zurücknehmen, ohne zu verschwinden: Yla Margrit von Dach, die «Grande Dame» des literarischen Übersetzens in der Schweiz, berichtet von paradoxen Aspekten ihrer Arbeit und von Un-terschieden zwischen der Literatur Frankreichs und der Romandie.
Von Laura Clavadetscher, Yla M. von Dach
Frau von Dach, welche Fähigkeiten benötigt man, um Belletristik zu übersetzen?Das literarische Übersetzen weist zwei gegensätzliche oder mindestens komplementäre Aspekte auf. Der eine sind Sprachkenntnisse und das Wissen um kulturelle Gegebenheiten, der andere ist die Intuition.
Konkreter?Es gibt immer eine Wahrnehmung des Textes unter der Oberfläche von Sinn, Grammatik oder formaler Struktur. Und diese unterbewusste Wahrnehmung vertieft sich während der... » Mehr
Übersetzer sind Schriftsteller: Autoren ihrer Übersetzung. Und doch fehlen sie meist auf dem Cover. Zeit, dass sich das ändert.
Von Camille Luscher

Camille Luscher, photographiert von Amélie Blanc.

«Weder treu ergebener Geliebter noch strebsamer Bauchredner, hat der Übersetzer nicht die Kühnheit eines Verräters noch den Diensteifer eines Kopisten – hingegen hat er, wenn er dem Text die Gerechtigkeit, den Glanz und den Widerhall geben will, den dieser verlangt, keine andere Wahl, als, zumindest ein Buch lang, Schriftsteller zu werden. Schriftsteller seiner Übersetzung.» Claro, Le clavier cannibale2
Das ist ja Wahnsinn, was Sie da gemacht haben,...
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Von Barbara Sauser
Mit dem ersten und auch schwierigsten Kapitel des Romans «Du bist in einer Luft mit mir» von Ruska Jorjoliani, einer jungen, Italienisch schreibenden Georgierin, reiste ich im April an ein Fortbildungsseminar in Berlin. Dort wurde meine Übersetzung (wie jede andere auch – darin besteht das Konzept dieser Seminare) von kritischen Berufskolleginnen und -kollegen besprochen. Wie erwartet, sorgten einige komplizierte Stellen für Diskussionsstoff. Fallen können aber,... » Mehr
Von Adolf Muschg
Zeigt man nicht, indem man den Prozess offenlegt, am besten, was beim Übersetzen passiert? – Auf den Spuren von Urs Widmer, der seiner Geschichte «Stille Post» einst Ähnliches widerfahren liess, haben wir ein Experiment gewagt und eine Stelle aus Adolf Muschgs neuem Roman über das Französische, das Italienische und das Englische wieder ins Deutsche übersetzen lassen.
Was ist unterwegs passiert? Es sind Nuancen, die zwischen Muschgs Original und der... » Mehr
«Wenn wir aufhören, uns zu übersetzen, hören wir auf, uns zu verstehen, und dann hören wir auf, miteinander zu leben», schrieb einst Karl Dedecius. Welche Rolle spielen Übersetzungen für das Entstehen einer gemeinsamen Kultur in der vielsprachigen Schweiz?
Von Barbara Sauser, Fabiano Alborghetti
Mendrisio. Unlängst beim Einkaufen prangte mitten im Gang ein Schild mit der Einladung «Schwein in Aktion». Der Gedankengang der beiden Typen vor mir, anscheinend überrascht und mitnichten Schweizer, hatte nichts mit Sonder­angebot und Rabatt zu tun. Vielmehr stellten sie sich offensichtlich vor, was auf dem Schild stand: Ein quicklebendiges Schwein, das in emsiger Betriebsamkeit durch die Gänge galoppiert. Sie mimten auch ein Schwein im Hinterhalt und stimmten... » Mehr
Wer Belletristik und Poesie übersetzt, muss sich im Alphabet des ihm anvertrauten Autors gut auskennen. Ilma Rakusa über die Vertrautheit mit einem Werk, den Glücksfall Kongenialität und die Un-terschiede zwischen Übersetzen und selbst Schreiben.
Von Ilma Rakusa, Laura Clavadetscher
Sie schreiben selbst, haben aber immer auch übersetzt. Wenn man schreiben kann, ist es nicht irgendwie befriedigender, attraktiver, erfolgversprechender als das Übersetzen?Das ist es tatsächlich. Mir macht das Schreiben, um es ganz simpel auszudrücken, auch mehr Spass. Das hängt damit zusammen, dass ich wirklich mein Eigenes sage. Trotzdem bin ich eine durchaus leidenschaftliche und engagierte Übersetzerin. Es gibt nur eine Einschränkung: wenn ich nicht jeweils... » Mehr
Von Philippe Jaccottet, Elisabeth Edl, Wolfgang Matz

Philippe Jaccottet, photographiert von Ayse Yavas / KEYSTONE.

Gefühl vom Ende einer Welt, ausserhalb der ich nicht mehr atmen könnte.
*
Nichts als ein Büschel blasser Veilchen,
nichts als ein sehr kleines Mädchen…
*
Farben des Abends plötzlich wie Glasscheiben (oder Insektenflügel) einzig an jenem Abend an jenem Ort
stummes Trugbild
Weg geöffnet ins kristallklare Dunkellichtes Fenster, als wäre da ein Wasserstreif, eine dünne Schicht reinen Wassersüber der ganzen Landschaft, den Wiesen,...
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Über Zeitfragen und die Sache mit der harten Realität.
Von Lydia Dimitrow
«Wie lange brauchen Sie denn, um einen Roman zu übersetzen?» Diese Frage bringt mich immer wieder ins Schlingern, und wenn sie dann fällt – im Gespräch nach einer Lesung oder auf einer Party am Häppchenbuffet –, dann überschlagen sich die Berechnungen, Schätzungen, Pi-mal-Daumen-Bemühungen in meinem Kopf. Zähle ich schon die erste Lektüre, die zweite Lektüre dazu? Nur die Phase bis zur fertigen Roh­fassung? Oder... » Mehr
kraut & rüber
Von Urs Mannhart
Mich wundernd über glänzende Schweizerkreuze an neuerstellten Kuhställen, mich wundernd über Ortsflecken, die Namen tragen wie Nügüetli, Höhport und Schmalzgruben, gelange ich mit einem von Kurve zu Kurve sich wiegenden Postauto tiefer und tiefer hinein in die Innereien des Kantons Schwyz, bis nach Unteriberg.
An der hintersten Haltestelle im Dorf steige ich aus und stehe auf einem grossen Platz, der überschwemmt wird von sonntäglicher Leere; es...
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Kind schaukeln. Schreiben.
Von Laura Vogt

zvg.

Ich schaue von meinem Buch auf. Die Frau, die diesen Satz eben sagte, sitzt im Zugabteil neben mir; ein Kind schläft im Tragetuch auf ihrer Brust, den Telefonhörer hat sie fest ans Ohr gedrückt. Wie oft ich diesen Satz bereits in zig Variationen gehört habe. «Er tut, was er kann, im Haushalt.» Aha. «Heute durfte ich endlich mal wieder zum Sport.» Hm. «Er hat dem Kleinen die Windel gewechselt, damit ich mich fünf Minuten aufs Sofa legen...
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Wort treiben
Von Laura Wohnlich

zvg.

Ich habe ein Problem. Ohne Sport kann ich nicht leben. Blöd nur: man muss zum Sport immer erst mal hinkommen, und der öV killt mich. Jogginggerechte Grünanlage: zwanzig Minuten U-Bahn, natürlich immer voll. Fitnessstudio: zehn Minuten Bus, zehn Minuten zu Fuss. Berlin, du kannst so schön schrecklich sein.
Ohne öV gibt’s nur Zumba bei der Volkshochschule. Freunde gehen hin, «komm doch auch», sagen sie. Zumba! Ein übermotivierter Trainer, der...
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Buch des Monats
Von Laura Clavadetscher
Es hätte, so der Autor im Vorwort, ein Gespräch mit Suhrkamp-Lektorin Angelika Klammer werden sollen. Da die Antworten nicht adrett und bündig genug ausfallen, richtet diese ihre Fragen stattdessen an Setz’ «ausgelagerte Seele», einen digitalen Zettelkasten gefüllt mit Reflexionen, Kurzberichten und Fundstücken. Mit künstlicher Intelligenz hat das wenig zu tun, auch wenn ein Suchalgorithmus und nicht eine «menschliche Finderintelligenz»... » Mehr
Von Lesern für Leser
Von Redaktion
«Mitten in der Fülle des Lebens [...] bekundet der Roman die tiefe Ratlosigkeit des Lebenden.» (Walter Benjamin)
Karl-Gustav Ruch: Das letzte Fenster. München: hockebooks, 2018.besprochen von Katharina Knorr, Literaturwissenschafterin, Bixnaaf.
Karl-Gustav Ruch – 2009 mit seinen wunder­vollen Erzählungen für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert – hat einen Roman über einen gescheiterten Schriftsteller geschrieben, den die Rekonstruktion... » Mehr
Sätze über Grate
Von Markus Rottmann
Chefredaktor: «Markus, ich will dir ja nicht dreinreden, ...aber ich muss.»
Kolumnist: «…»
«In der Höhe ist der Sommer frisch, der Schnee liegt sicher in den Stauseen, die Alpwiesen blühen, beste Zeit also, die Wanderschuhe zu schnüren…»
«…und in deine Tessiner Berge zu ziehen.»
«…um die Neuauflage von ‹Gipfelziele im Tessin› zu zerpflücken.»
«Versündige dich... » Mehr
Der Siegertext des Premio Pusterla Junior 2018.
Von Selina Steiger
«Klick», der Schlüssel dreht sich, die Badezimmertür ist verschlossen. Allein um vier Uhr nachts, alles dunkel. In seinem Kopf ertönt das Klirren der scharfen Klinge, das Messer im Bauch – das Telefon zur Hand. Der Anruf wird von der Notrufzentrale innert Sekunden entgegengenommen. Eine tiefe Stichverletzung habe er sich zugefügt, ja, aber er wolle keine Hilfe. Die Drohung, sich anzuzünden, falls trotzdem Hilfe käme. Der Anrufer legt auf.
Was nun?... » Mehr
Von Hildegard Elisabeth Keller, Nikola Biller-Andorno
Wir sind Kolleginnen an der Universität Zürich, die eine an der Philosophischen, die andere an der Medizinischen Fakultät. Die eine träumte schon lange von einem Essaywettbewerb für Medizinethik-Studierende, die andere fand die Idee unbedingt unterstützenswert – Brückenschläge zwischen Literatur und Wissenschaft tun not. Wir packten an und entwickelten den Premio Pusterla Junior am Institut für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte der... » Mehr
Von Andrea Fazioli
Wie wir alle habe auch ich manchmal Tage vor mir, die aus lauter Geraden bestehen. Termine, Abgabefristen, Dinge, die erledigt werden müssen, Fahrten von A nach B. Doch ab und zu halte ich inne, entziehe mich dem Strom und mache einen «unnötigen» Schlenker. Setze mich in den Sessel, schlage ein Buch auf – und lese.
Im Februar zum Beispiel «Tra dove piove e non piove» («Quasi Heimweh», Rodana-Verlag, 1970) von Anna Felder, die dieses Jahr mit... » Mehr
Von Ruth Gantert
Eine Chinesin lächelt auf dem Umschlag zweier kleinformatiger Bücher, einmal als junge Frau mit Zopf in gemustertem Sommerkleid, das zweite Mal älter, mit Mittelscheitel und weisser Bluse. Es ist Wen, die 2012 verstorbene Frau des ehemaligen Genfer Sinologieprofessors Jean François Billeter. Fünf Jahre nach ihrem Tod veröffentlicht dieser in «Une autre Aurélia» ein bewegendes Tagebuch der Trauer. In dichten, unsentimentalen Einträgen... » Mehr
Ein Fremdenlegionär isst bei Berbern in Gourrama
Von Hildegard Elisabeth Keller, Christof Burkard
Kommen Sie mit nach Gourrama, einem kleinen Militärposten im südlichen Marokko um 1923. Nordafrika gehört seit fast hundert Jahren zu Frankreich, und dieses sichert seine Herrschaft mit einer Armee aus Ausländern. Einer dieser Fremdenlegionäre, Lös, tanzt aus der Reihe. Er ist anders. Wenn ein nacktes Mädchen vor ihm steht, besinnt er sich, anstatt wie andere zuzupacken. Lädt ihn aber das Berbermädchen Zeno, das «ohne nutzloses Wiegen in den...
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«Herr Mezger, was ist ein guter erster Satz?»
Von Daniel Mezger
Der erste Satz ist der wichtigste. Warum? Weil er für den wichtigsten gehalten wird.
Es gibt Wettbewerbe zum Thema, es gibt Erster-Satz-Experten, es gibt immer die eine Person in einer Kritikerrunde, die sagt: «Man muss sich allein schon den ersten Satz anschauen, da ist eigentlich schon alles drin!»
Und weil da bloss eigentlich alles drin ist, schreibt sich nichts so leicht wie ein erster Satz. All das Gewicht, all das Bedeutsame, das man hineinlegen kann. All die... » Mehr
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