Schweizer Monat
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Von Stephan Bader
Liebe Leserinnen und Leser
Meine Mutter schreibt ihre SMS auf Schweizerdeutsch – und schliesst sie gern mit «Schmötzli, Mami» ab: «Küsschen, Mama». Wie Mütter das so tun. Nur: ihr Handy kennt keine Solothurner Küsschen. Und so schickt mir Mami manchmal: «Schmutzliteratur».
Man fragt sich, wie um Himmels willen dieses Wort sich in den Wortschatz des digitalen Zeitalters gemogelt hat. Ein Wort von gestern für eine Lektüre... » Mehr
Ein Intro
Von Susann Klossek
Wer den Trash nicht zu schätzen weiss, ist die anspruchsvolle Literatur nicht wert. Wer hat das gesagt? Ich. Trash hat ebenso eine Daseinsberechtigung wie jede andere Art von Literatur, ob sie sich nun Erotica oder Pulp nennt, Pop oder Beat – oder ihr hochkulturelle Weihen zuteilwerden, woraufhin sie dann unter «Kunst» firmiert – eben weil es jemand als solche bezeichnet hat. Die eindeutige Trennung von Unterhaltungs- und anspruchsvoller Literatur ist ein vor allem... » Mehr
Trash ist uninteressant. Interessant ist das Gespräch darüber: denn es dreht sich stets um die kulturelle Distinktion zum Höheren über die Kenntnis des Niederen. Aber warum eigentlich? Ein Versuch.
Von Philipp Theisohn
Die akademische Rede über Trash steht sich dauernd selbst im Weg. Den Gegenstand, mit dem sie es zu tun bekommen will, klassifiziert sie nämlich immer als ein Phänomen, das die ästhetische Ordnung stört, einen Gegenstand, den man aber als kulturtheoretisch sich gebender Verstand nicht einfach quer im Raum stehen lassen kann, sondern ihn sofort wieder reflexiv in selbigen zurückholen muss, obwohl er vermeintlich gar nicht hineingehört. Oder einfacher: Trash ist...
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Trash, Schrott und Schund in der Schweiz. Eine Spurensuche.
Von Stephan Bader

Heftchen, photographiert von Laura Clavadetscher.

Es beginnt natürlich in der Bahnhofsbuchhandlung. Aber Dr. Norden, Perry Rhodan, Julia und Co. muss man heute selbst im Zürcher HB lange suchen. Da, hinter LandKind, LiebesLand, LandZauber, LandIdee und Regalen voller Reiseführer, Ratgeber und Rätsel, also wirklich ganz, ganz hinten, steht ein wackliger Drehständer. Ist der Heftroman schon tot?
«Ja, damit fängt heute niemand mehr an. Die Leser sterben weg, die Sammlerpreise sind im Keller.» Hans...
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Mein Schundroman und ich #1
Von Blanca Imboden
Erstmals schreibe ich einen Text über mein Schreiben. Eine echte Herausforderung. Plötzlich soll ich mich selber analysieren, hinterfragen, erklären, vielleicht sogar rechtfertigen. Und das in einem Literaturmagazin. Keine Sorge, ich weiss, dass ich keine Literatur schreibe. Ich bekomme hier nur ein einmaliges, kleines Gastspiel – auch wenn man über den Begriff Literatur natürlich fröhlich streiten könnte. Aber es ist schon so: ich bin nicht jemand, der... » Mehr
Mein Schundroman und ich #2
Von Nora Zukker
Der Cora-Verlag rief an und schickte gleich zwanzig Kioskromane hinterher. Im Rahmen von «Zürich liest» sei eine Groschenromanlesung geplant. Ich habe mich sofort freiwillig gemeldet. Mich mit dem Dramaturgen Dustin Hofmann zusammengesetzt und durch die Reihen «Baccara – heisse Leidenschaft», «Tiffany – Hot & Sexy», «Highlander», «Bianca – Familienglück» und «Julia – Reich und... » Mehr
Mein Schundroman und ich #3
Von Gion Mathias Cavelty
Wer glaubt, Literatur in hochstehende Kunst einerseits und minderwertigen Schrott anderseits unterteilen zu müssen, hat schon mal ein gewaltiges Problem. Wobei, ganz unter uns: Auch bei mir stehen Bücher herum, die zu besitzen zuzugeben ich mich fast nicht überwinden kann. Sie stehen denn auch nicht neben meinen «normalen» Büchern im Gestell, sondern fristen ihr Dasein in einer Bananenschachtel im Keller.
Ich gehe wahnsinnig gerne in den... » Mehr
Georges Simenon zwischen Schund und Weltliteratur.
Von Daniel Kampa

Illustration von Corinne Mock.

Anlässlich seines hundertsten Geburtstags veröffentlichte das Kulturmagazin «Du» im März 2003 ein Themenheft über Georges Simenon. Der erste Satz lautete: «Es lebe der Schund!» Natürlich meinte der damalige Herausgeber und Autor des Vorworts, Christian Seiler, das ironisch, und doch: «Es war einmal, und es ist nicht allzu lange her, dass Georges Simenon ein Schundschriftsteller war», so Seiler. Und «unter Schundverdacht standen...
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Erzählung
Von Pablo Haller

Illustration von Corinne Mock.

«Und am Abend träumen sie von Santo Domingo, von Santo Domingo und weissen Orchideen...» – Wanda Jackson
Die LeicheSosúa, Ostersonntag
«Una muerta, una muerta!»
Eben noch schwankte Hungerbühler wie ein Kahn, den scheinbar nichts aus der Ruhe bringen konnte, durch das morgenfrische Sosúa. Vorbei an der Tokyo Sushi Bar (sic!), dem Check Point, dem Thrift Store. Dem Dreck halt, den man hier für die Touris hingepflastert hat. Vorbei an...
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Zum Status zeitgenössischer Trend- und Trashliteratur.
Von Felix Philipp Ingold
Die Autorin Kathrin Passig bekam 2006 den Ingeborg-Bachmann-Preis zugesprochen – von einer mehrheitlich begeisterten Jury, die sich freilich in der Folge düpiert, wenn nicht gar getäuscht vorkommen musste, als bekannt wurde, dass der prämierte Text ein Fake war, eine Art Blockbuster, aus lauter vorgegebenen Versatzstücken eigens hergestellt, um den vorab berechenbaren Kriterien der Preisrichter zu entsprechen und sie gleichzeitig zu unterlaufen.
Die hochdotierte... » Mehr
Ein Outro
Von Vanni Bianconi
1. In der Redaktion
– Nei, sicher kei Tessiner. «Trash» heisst auf Italienisch «Rifiuti», und das heisst «abgelehnt»! Diese Sprache ist förmlich dazu gebaut, uns aus der Realität hinauszuallegorisieren. Wie soll man so die Reste der Realität, das, was sie zurückgewiesen hat, verhandeln?
– Dann lassen wir die Landschaft sprechen, durch ihre Architektur.
– Bist du ein verkappter Italiener, oder was?
– Da,... » Mehr
Kraut & rüber
Von Urs Mannhart
Ein regnerischer, von Winden zerzauster Tag steht im Kalender, als wir mit dem Zug von Bern aus westwärts reisen; La Chaux-de-Fonds ist unser Ziel. In Neuchâtel fährt unser Zug nicht nach kurzem Halt weiter, sondern verharrt während eines sich dehnenden Moments ganz still, als wolle der Lokführer uns Reisenden die Chance geben, das leise Rieseln der verrinnenden Zeit zu vernehmen. Alsbald werden wir informiert, dass der landesweit sich austobende Sturm einen Baum aufs...
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Kind schaukeln. Schreiben.
Von Laura Vogt

zvg.

Sie grinste. Eine Mitarbeiterin habe das so gesagt. Ich rückte mich auf dem Sofa zurecht, das seltsame Klischeebild der «ausgeleierten Vagina» vor meinem inneren Auge.
«Hat sie Kinder?», fragte ich.
«Ich glaube schon», antwortete meine Freundin.
In der Zwischenzeit habe ich selbst ein Kind zur Welt gebracht – und schnell nach der Geburt wieder Lust auf Sex empfunden. Nix mit Gurke im Flur. Ich gab mich Leidenschaftlicherem hin, zum Beispiel den...
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Wort treiben
Von Laura Wohnlich

zvg.

Der Winter in Berlin ist hart. Okay: wo, ausser vielleicht auf den Skipisten von Davos, ist diese Jahreszeit keine Zumutung – aber die Eiswinde hier, nachdem sie über 200 Kilometer flache, unbewohnte Sandwüste, auch Brandenburg genannt, Tempo aufgenommen haben, die sind schon besondere Hausnummern. Trotzdem lasse ich mir mein Joggen nicht nehmen und drehe tapfer meine Runden. Da ist nämlich dieser besondere Effekt.
Nach fünfzehn Minuten Dauerlauf sind meine Finger...
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Buch des Monats
Von Hartmut Vollmer
Wir begriffen mit einem Mal, was Leichtigkeit war. Wir begriffen, wie das Leben sein kann für einen, der wirklich tut, was er will, und nichts glaubt und keinem gehorcht; wie es wäre, so ein Mensch zu sein, begriffen wir, und wir begriffen, dass wir nie solche Menschen sein würden.» Der «berühmte Spassmacher» Tyll Ulenspiegel tritt in einem Dorf auf und lässt die Zuschauer staunen. – Daniel Kehlmann widmet dem wohl populärsten Narren der... » Mehr
Von Lesern für Leser
Von Redaktion
Abermals ein weiterer Camenisch
Arno Camenisch: Der letzte Schnee. Basel: Engeler, 2018.besprochen von Gregor Szyndler, Autor und Liedermacher, Basel.
Georg und Paul arbeiten am Skilift. Sie warten sehnlichst auf Schnee. Chnuschtis sind beide, ansonsten gilt: Paul ist ein Plappermaul und Georg ein Schweiger. Mehr Charaktertiefe und Personal braucht Arno Camenisch in seinem neuen Buch «Der letzte Schnee» nicht. Auch nicht mehr Handlung; das Buch füllt sich, Plauderpaul sei... » Mehr
Sätze über Grate
Von Markus Rottmann
Man wundert sich über all die Bergsteiger, die von «majestätischen Gipfeln» sprechen, den «Thronsaal der Alpen» preisen oder von der «Königsroute» schwärmen. Sie lieben die Freiheit, aber machen sich zu Höflingen, sobald ihnen Grösse gegenübersteht. Frohgemut legen sie die Eisen an und besteigen ihren Piz Paradox. Aber wie kamen die Gebirge eigentlich zu ihren monarchischen Titeln?
Gesellschaftliches Ansehen erhielten die... » Mehr
Von Redaktion
Bereits zum siebten Mal hat das Bundesamt für Kultur die herausragenden Neuerscheinungen des vergangenen Literaturjahres ausgezeichnet. Zum vierten Mal stellen wir Ihnen die Preisträgerinnen und Preisträger an dieser Stelle in Wort und Bild vor.Ladina Bischof hat die ausgezeichneten Autorinnen und Autoren in ihrem Arbeitsumfeld bildstark festgehalten. Zum Schwerpunkt gehört wie bewährt ein ergänzendes Online-Spezial. Lesen Sie dort bisher nicht oder nicht auf... » Mehr
Von Andrea Bianchetti
«Du musst deine Erinnerungen aufschreiben! Wer so lange lebt, muss sein Leben aufschreiben. Du bist Zeugin von fast einem Jahrhundert!» Mit dieser Aufforderung beginnt das eindrückliche neue Buch von Silvana Lattmann, das den einfachen Titel «Nata il 1918» (Geboren 1918, Casagrande, 2017) trägt, ein autobiographischer Erinnerungsroman. Die bekannte und beliebte Schriftstellerin italienischer Herkunft stammt aus Neapel, wurde aber in den Fünfzigerjahren in... » Mehr
Von Ruth Gantert
Was tut ein Angestellter, der an seinem Arbeitsplatz einfach vergessen ging? Büromaterial ist für Jahre vorhanden und der Lohn trifft pünktlich ein, aber niemand will etwas von ihm – Janvier, der Protagonist von Julien Bouissoux’ gleichnamigem Roman (L’Olivier), befindet sich in genau dieser Situation. Also giesst er die Pflanze, saugt den Teppich und wartet darauf, von der Firma entdeckt zu werden. Ab und zu schreibt er dem chinesischen Arbeiter Wu Wen, dessen... » Mehr
Zwei Matrosen stärken sich für den Walfang.
Von Hildegard Elisabeth Keller, Christof Burkard
Wir laden Sie ein ins «Try Pots». Das «Try Pots» ist der «fishiest of all fishy places». Von morgens bis abends kocht dickflüssiger Chowder in den Töpfen: «Chowder for breakfast, and chowder for dinner, and chowder for supper», bis man glaubt, die Fischgräten kämen schon durch die Kleidung heraus. Obwohl hier sogar die Milch nach Fisch schmeckt und das Wirtshausschild an einen Galgen erinnert, gilt es als eines der besten Hotels...
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Schlussfrage / XVII
Von Daniel Mezger
Es wird ja viel Betrieb um Literatur gemacht. Man schreibt gerne über sie, man macht Fernsehsendungen, dieses Heft hier gibt es – und dann gibt es die Schriftsteller. Die haben damit reichlich wenig zu tun. Man sieht es daran, dass sie von allen in der «Firma» am schlechtesten bezahlt sind. Sie sind die Kakaobauern, der Betrieb verkauft die Schokolade.
Darum weiss ich fast nichts über den Betrieb zu sagen. Manchmal sehe ich ihn von fern, manchmal lese ich an... » Mehr
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