Als sie eines Freitags nach Hause kommt, steht Klaus in der Diele. Spinnenweben im Haar, Staub auf dem Pullover, Schweissperlen auf der Nase. «Das hab ich im Keller gefunden.» Er streckt ihr seine Fundstücke entgegen. In der rechten Hand das Spielbrett, in der linken das grüne Scrabble-säckchen. Er folgt ihr in die Küche. Schaut zu, wie sie die Einkäufe aus dem Netz klaubt. Und leert die Buchstaben auf den Tisch. Wischt mit der Hand darüber. «Ein paar Steine fehlen.» Sie sieht nur kurz hin. «Und das Spielfeld ist in der Mitte gewellt.» – «Ja», nickt sie und erinnert sich. Als Klaus und sie das letzte Mal mit den Kindern Scrabble spielten, schüttete Anne im Eifer des Gefechts ein Glas Saft aus. Jahre ist das her. «Was willst du damit?» – «Mal sehen.» Und er trippelt Richtung Wohnzimmer.

Zum Essen erscheint er mit dem Buchstabensäckchen. Legt es rechts neben sein Messer. Still essen die beiden. Als sie meint: «Rufst du bitte morgen früh den Sanitärinstallateur an, mit dem Boiler ist etwas nicht in Ordnung», hält er einen Augenblick inne, legt dann langsam Messer und Gabel zur Seite. Sein Mund kaut still weiter. Seine Stirn legt sich in Falten. Er greift nach dem grünen Säckchen und leert die Buchstaben neben seinem Teller aus. «Was machst du da?» Gezielt sucht er nach Buch-staben, legt sie neben der Salatschüssel hin. S A N I T Ä R I N S T A L L A T E U R. Er atmet aus. Und tippt dann mit dem Zeigefinger jeden einzelnen Stein an. Zählt die Zahlen auf den Buchstaben zusammen. «29 Punkte für dieses lange Wort.» Er lächelt. Ihr schüchternes «Du weisst aber schon, dass du im Scrabble höchstens sieben Steine legen darfst?» hört er nicht. Unbeirrt legt er die nächsten Worte hin. B O I L E R. «10 Punkte.» O R D N U N G. «9 Punkte.» Dann meint er: «Ich ruf den Xeno an, der soll sich den Boiler anschauen. Morgen vormittag.» – «Xeno?! Ich dachte, wir seien uns einig, dass wir den nicht noch einmal kommen lassen. Schlechte Arbeit zu horrendem Preis!» Er winkt ab. Seine Hand fingert nach den Steinen. XENO. «Xeno ergibt auf einen Schlag 12 Punkte. Mit nur vier Buchstaben!»

Sie sagt nichts mehr an diesem Abend. Er aber sucht weiter nach Wörtern. Murmelt sie vor sich hin und legt sie mit den Steinen aus.

KERKER (10)

ÖDHEIT (15)

YVONNE (19)

ZYANKALI (22)

Sie räumt den Tisch, putzt die Brotkrumen um ihn herum fort. Er scheint sie nicht zu bemerken. Nach dem Spielfilm reagiert er nicht auf ihr «Kommst du auch ins Bett?». Er bleibt sitzen. Murmelt, legt Buchstaben hin und zählt Wortwerte zusammen. Als sie das Licht löscht, ist seine Bettseite noch immer leer. Frühmorgens sitzt er bereits erwartungsvoll in der Küche. Zeigt ihr die Wörter auf dem gedeckten Tisch.

EI (2)

BROT (8)

BUTTER (10)

JOGHURT (16)

QUARK (16)

KAFFEE (12)

GRÜNTEE (13) 

ORANGENSAFT (16)

«Ich will kein Ei mehr zum Frühstück. Aber Quark und Joghurt.» Auf ihren fragenden Blick hin zeigt er auf die Punkte. «Ich will mit einem angemessenen Punktestand in den Tag starten.» Ihr Augenrollen beeindruckt ihn wenig. «Und ich trinke von nun an auch grünen Tee. Wie du.» Sie verschluckt sich beinahe. Klaus und Tee! Seit wann denn das? Er hält ihr seine Tasse hin. Vor sich hinsummend trinkt er in kleinen Schlückchen. Was er bis anhin mit «Ich bin doch nicht krank und trink Tee!» verschmäht hat. Sie setzt sich zu ihm an den Tisch. Schaut über ihren Tassenrand zum Fenster hinaus. «Zita hat heute Geburtstag. Ich treffe sie in der Stadt.» Er fingert sogleich nach den Buchstaben. Legt ihre Wörter aus und zählt die Punkte zusammen. ZITA (7) HAT (5) HEUTE (7) GEBURTSTAG (16) ICH (5) TREFFE (11) SIE (3) IN (2) DER (3) STADT (7). «66 Punkte, nicht schlecht, dein Morgen.» Einen Augenblick lang weiss sie nicht, ob Klaus sie zum Narren halten will. So wie früher manchmal. Sie sucht seinen Blick. Doch er sucht bereits nach weiteren ausgefallenen Worten in der Küche. Sie schweigt. Zerrupft ihr Brot. Seufzt. Klaus schaut erwartungsvoll. Auf ihren Mund. Sie schüttelt den Kopf. So mag sie kein weiteres Wort mehr sagen. Und sie hofft, dass ihn dieses Spiel bald langweilen wird.

Während sie fort ist, tigert er durch die Wohnung. Links das Säckchen mit den Buchstaben, rechts den Photoapparat.

KÜCHE (13)

MIKROWELLE (18)

BAD (5)

DUSCHBRAUSE (15)

MISCHBATTERIE (21)

WOHNZIMMER (19) 

ORIENTTEPPICH (24)

COUCHTISCH (17)

FERNSEHER (12)

RAUFASERTAPETE (21) 

HAUSTÜRE (14)

SICHERHEITSSCHLOSS (26)

GARTEN (8)

BLUMENRABATTE (22)

Neben jedem Fundstück legt er die entsprechenden Buchstaben aus und macht ein Photo davon. Bei einigen muss er Blankosteine zur Hilfe nehmen. Das ärgert ihn. Denn Blankosteine ergeben – keine Punkte. Anschliessend bearbeitet er auf dem
Computer die Bilder. Auch die Blankosteine. Dann druckt er die Bilder aus und pinnt sie im ehemaligen Kinderzimmer an die Wand. Lauter Wörter und ihre Werte. Seine Trophäen! Nach Punktestand geordnet.

Als sie nach Hause kommt, zerrt er sie noch im Mantel vor die vielen Photos. «Stell dir vor, alles nur bei einfachem Wort- und Buchstabenwert.» Er greift nach dem Scrabblebrett. Tippt auf die dunklen Felder. «Was, wenn ich die Wortwerte verdopple oder verdreifache!?» Sie versucht zu verstehen. Doch in ihrem Kopf dreht sich alles. «Ich leg mich kurz hin. Iss du schon mal ohne mich.» Als sie ihre Augen aufschlägt, fällt ihr Blick als erstes auf ihr NACHTTISCHCHEN (22). Auf die HALOGENLAMPE (22), die TASCHENTÜCHER (26). Augenblicklich ist sie hellwach. Klaus hat während ihrer Abwesenheit nicht nur die Photos für die Trophäenwand im alten Kinderzimmer ausgedruckt, sondern auch sämtliche Gegenstände in der Wohnung mit Post-it-Zetteln versehen. Fein säuberlich ist darauf der Wortwert abzulesen. Sie lässt sich zurück ins Kissen fallen. Es knistert an ihrem Hinterkopf. Sie greift danach. KISSEN (8) / PFULMEN (15). Pfulmen ist zweimal dick unterstrichen.

Nach Tagen gewöhnt sie sich daran, dass Klaus ihre Einkaufstasche zuerst nach neuen Dingen durchsucht, die vielleicht hoch punkten, statt sie zu begrüssen. Wird er fündig, fingert er in seinen Taschen. Nach den gelben Post-it-Zetteln. Und dem BLEISTIFT (16). Am Donnerstag hat er sich einen FIXPENCIL (23) geleistet, weil der deutlich höher punktet. Alles, was höher punktet, packt Klaus’ In-teresse. Nachts forscht er nach Wortkombinationen, die hohe Punktzahlen versprechen. Im Internet kann er stundenlang SURFEN (8). Er selbst redet lieber von RECHERCHIEREN (17).

Nach einem Monat legt Klaus den grünen Beutel mit den Buchstaben zur Seite. «Ich brauche sie nicht mehr.» Und sie atmet auf. «Endlich.» Zur Feier des Tages kocht sie Sauerbraten mit Kartoffelstampf. Sie zieht sich etwas Nettes an und holt im Keller eine Flasche Wein. Einen Amarone. Sie sieht gleich, wie Klaus ein Gesicht zieht, als sie mit der Flasche in die Küche kommt. «Amarone!» Sie stutzt. «Du warst doch immer begeistert von Amarone.» «10!», entgegnet er. «Läppische 10 Punkte!» Und rümpft die Nase. «Dann kannst du gleich einen Pinot auftischen. Der bringt es auch nur auf 10.» Er gestikuliert wild herum. Läuft rot an. «BAROLO 11, NEBBIOLO 15, BARBARESCO 16, CHARDONNAY 22...» Sie lässt die Flasche sinken. Setzt sich. Greift nach einem Glas Wasser. Er braucht die Buchstaben nicht mehr. Inzwischen kennt er sämtliche Werte auswendig. Hat sie abrufbereit in seinem Kopf. Sobald sie ein Wort sagt, rechnet er konzentriert nach und spuckt ihr den Wortwert dazu aus. Ungefragt. Sie wischt sich über die Augen. «Lass uns
essen.» – «13», flüstert er.

Nach einem weiteren Monat spricht er keine Sätze mehr, reicht ihr nur eine nackte Zahl. «Neunzehn», zum Beispiel. (Gehe auf ein Bier.) Und wenn er «Einundvierzig» hinwirft, weiss sie nach einer weiteren Woche, dass er mittags nicht nach Hause kommt. Das Säckchen mit den Buchstaben hat er ihr auf den Tisch gelegt. «Damit du eine Hilfe hast.» Seine wichtigsten Aussagen stehen auch auf einer Liste. Direkt neben dem Telefon.

ACHT (Hunger)

SIEBZEHN (Zeitung lesen)

NEUNUNDZWANZIG (Nachrichten hören)

SIEBENUNDZWANZIG (Mit Hugo auf ein Bier)

ZWEIUNDVIERZIG (In der Bibliothek recherchieren)

VIERUNDVIERZIG (Warte nicht mit dem Essen auf mich)

ZWEI (Du) sucht sie vergebens. Sie kommt nirgends vor. Schon lange nicht mehr. Wenn Klaus fort ist, in der Bibliothek oder mit Hugo auf ein Bier, dann streift sie durch die Wohnung. Und entfernt all die Zettel. Jene im Bad, jene im Büro, jene im Schlafzimmer, die verregneten im Garten, die feuchten im Keller. Seltsam. Sie kann Klaus’ Stimme hören, wie er die Wortwerte deklamiert. «VIER – ACHTZEHN – SIEBEN – ZEHN – DREIUNDZWANZIG.» Doch sie kann sich nicht mehr erinnern, wie seine Stimme klingt, wenn er ein Wort, ein richtiges Wort, ausspricht. Oder ihren Namen, Yvonne, zum Beispiel.

Sie steht in der Küche, als er nach Hause kommt. Unter dem Arm ein DREIZEHN (Baguette). In der Hand eine Tüte mit frischen NEUNZEHN (Artischocken). «ZWÖLF» (Da bin ich). Sie fasst sich ein Herz. «Klaus, sprich mit mir. Bitte.» Sein Mund lächelt.
Ein wenig schief. Seine Augen schauen. Ratlos. Krächzend würgt er «FÜNF» und «ACHT» hervor. Und sie weiss, dass sie hier nichts mehr zu punkten hat.

Sie dreht sich um, steht auf und greift nach ihrer Jacke. Fort, nur fort von hier. An einen Ort, wo nichts mit Punkten versehen ist. Manchmal träumt sie schon in Zahlen. DREIUNDDREISSIG. ACHTUNDSIEBZIG. FÜNFZEHN... Und wenn sie einkaufen geht, verwirren sie Durchsagen wie «Zwei für eins». In der Bahnhofunterführung fing sie letzte Woche an zu hyperventilieren. Am Kiosk hing die Liste der gezogenen Lottozahlen. Um die Poststelle macht sie auch einen Bogen. Weil sie dort eine Nummer ziehen muss. Zahlen und Worte verschwimmen. Sie kann sie nicht mehr unterscheiden. Sie fürchtet sich davor, nicht mehr zu verstehen, was gemeint ist.

Dann dreht sie sich noch einmal um. Zu Klaus. Sie sieht, wie er ihre weggeworfenen Zettel aus dem Papierkorb klaubt. Wie jedes Mal. Sie sorgfältig aus-einanderstreicht. Zärtlich fast. Dabei murmelt und sie dann alphabetisch zu sortieren beginnt. Seine Augen blicken konzentriert. Die Haare stehen ein wenig strubbelig vom Kopf ab. Fremd sieht er aus. Und alt.

Zögernd nähert sie sich. Macht einen Schritt. Und noch einen. Er schaut nicht auf. Er hört sie nicht. Ein leiser Singsang von Zahlen tropft aus seinem Mund. Sie gibt sich einen Ruck. Streckt die Hand nach ihm aus. Ihre Finger tasten nach seinem Kopf. Klaus zuckt zusammen. Und für einen Augenblick hält er inne. Seine Stimme verstummt. Sie kann seine Haare fühlen. Langsam und sachte streicht sie dann über seine Augen, weiter zur Nase, ertastet seinen Mund. Doch ihre Finger finden keinen Ort zum Bleiben. Sie zögert. Da bemerkt sie, wie Klaus neben ihrer Hand hindurch auf den Tisch schielt. Zu den sortierten Zetteln. Und verwundert sieht sie, wie er mit der rechten Hand nach ihnen greift. Ganz langsam. Sich stetig vorwärtstastend.

Und als sei dies das vereinbarte Zeichen.

Beugt sie sich über ihn.

In Zeitlupentempo.

Ihre Finger schliessen sich um seinen Hals.

Sie hört sein Atmen.

Und ihren eigenen Herzschlag.

Dröhnend im Kopf.

Unter ihren Händen spürt sie ein nervöses

Pochen.

Klaus’ Pulsschlag.

Und sie sieht die kleinen Bewegungen seines

Mundes. Nach Wortwerten rechnend.

Ihre Finger verkrampfen sich.

Als hätten sie ein Eigenleben.

Um seinen Hals.

Ganz dicht.

Klaus’ Adamsapfel hüpft.

Sie spürt, wie er leer schluckt.

Und leise röchelt.

Doch deutlich hörbar.

Jetzt könnte sie noch...

Wenn er nur...

Seine Hände tasten weiter.

Nach den Zetteln auf dem Tisch.

Da zischt sie in sein Ohr:

«DREIUNDSECHZIG!»

Und Klaus schliesst die Augen.

Noch einmal, flüsternd:

«DREIUNDSECHZIG.»

Klaus zappelt.

 

Mit einem letzten Wisch fliegen die Zettel über den Tisch. Quer durchs Zimmer. Und von draussen prasseln Regentropfen an die Fensterscheibe.