Schweizer Monat
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Von Michael Wiederstein
Liebe Leser
Über den viel beklagten «Provinzialismus» der Schweizer Literatur, so scheint es, kann man in diesem Jahr kaum schreiben. Nie zuvor rangierten so viele Schweizer mit aktuellen Werken auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, Peter Stamm war für den International Booker Prize nominiert, und auch Joël Dickers «Harry Quebert» hat sich in Frankreich hunderttausendfach verkauft. Die von vielen Schweizer Autoren vorgelegten Romane, das... » Mehr
Von Nora Gomringer

Nora Gomringer, photographiert von Anny Maurer.

Wolfgang Herrndorf, Autor von «Tschick» und «Sand», hat seine Leser teilhaben lassen am Austrocknen des Lebenswillens. Das war kein kontinuierlicher Prozess, das war eine Verschwindensevolution, so springend wie die erforschte Originalversion davon. Mich hat die Twitternachricht von seiner Kollegin und Freundin Kathrin Passig über seinen Selbstmord richtiggehend erwischt. Herrndorf war Gehirntumorbesitzer, Romanautor, Um-sein-Leben-Blogger,...
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Von Michael Stauffer

Michael Stauffer, photographiert von Matthias Bohm.

In Barcelona habe ich einen Mietwagen der Firma Scherz Autovermietung Ltd. vollgetankt und in tadellosem Zustand zurückgebracht. Eine Mitarbeiterin ist daraufhin ins Auto gekrochen und rundherum gestreift wie ein Drogenhund und hat mir lächelnd bestätigt, dass alles tadellos sei.
Wieder daheim, erreichte mich die Rechnung. Auf ihr war dann eine Summe von 80,00 Euro aufgeführt, die nichts mit der Miete zu tun hatte. Ich fragte freundlich nach. Nach der vierten...
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Aber sind dessen Mauern auch die Grenzen meiner Welt?
Von Redaktion
In einem kleinen viersprachigen Land nach dem Verhältnis zwischen Idiomen und Identitäten zu fragen, kann ambitioniert bis verwegen erscheinen. Vor allem aber ist die Frage aktuell: Der Rückgriff auf Muttersprache und Mundart ist ein auffälliges Merkmal der jüngsten Schweizer Literatur und poetischen (Sub-)Kultur – die gleichwohl längst aus der Alphütte heraus ins globale Dorf getreten ist. Wir wollten wissen, wie Räume und Regionen... » Mehr
Nahaufnahmen aus der Provinz, hybride Sprachbilder und kernige Menschengestalten – sie machen Arno Camenischs literarischen Kosmos aus. Im Gespräch gibt der preisgekrönte Jungschriftsteller Auskunft über Freundschaft, Heimat und Vergänglichkeit.
Von Arno Camenisch, Rico Franc Valär
Arno Camenisch, im Zentrum Ihres neuen Buches «Fred und Franz» steht eine Männerfreundschaft. Gab es einen speziellen Anlass, sich literarisch mit diesem Thema auseinanderzusetzen?
Jeder von uns hat Menschen, die einem nahestehen und einen begleiten – egal ob Mann oder Frau –, Menschen, die da sind, unabhängig davon, wie es rundherum stürmt. Sie sind die Kon-stanten im Lauf der Zeit. Im Grunde geht es mir nicht um eine Männerfreundschaft. Die zwei,...
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Eine kurze Geschichte der Schweizer Mundartliteratur
Von Mario Andreotti
Das auffälligste Merkmal der besonderen sprachlichen Situation der deutschsprachigen Schweiz ist die ständige Präsenz zweier Varianten der deutschen Sprache: der Standardsprache und der Dialekte, so dass kein Geringerer als Hugo Loetscher sagen konnte, wir Schweizer seien «zweisprachig innerhalb der eigenen Sprache». Diese Zweisprachigkeit hat zu einer wesentlichen Eigenheit der Schweizer Literatur geführt: zur Ausbildung einer breitgefächerten... » Mehr
Seit über zehn Jahren lebt die Schriftstellerin Ilma Rakusa abwechslungsweise in Zürich und Berlin. Im Mailwechsel mit Urs Heinz Aerni berichtet sie von den Unterschieden zweier Metropolen, die sich nicht zuletzt in der Sprache manifestieren.
Von Ilma Rakusa, Urs Heinz Aerni

Ilma Rakusa, photographiert von Giorgio von Arb.

Frau Rakusa, kürzlich ist Ihr neues Werk «Aufgerissene Blicke» erschienen, eine Art Berlin-Tagebuch. Berlin boomt, und zwar so, dass Paris schon eifersüchtig ist. Woran liegt das? 
Berlin ist für mich ein Scharnier zwischen Ost und West. Ich selber stamme aus dem Osten, habe Slawistik studiert und ein Jahr in Leningrad, heute St. Petersburg, verbracht. Wenn ich im Scheunenviertel, in der Grossen Hamburger Strasse, an Fassaden Einschusslöcher...
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Wenn es um die Verwendung wüster Wörter geht, geht die deutsche Sprache Sonderwege. Statt wie andernorts Negatives mit Sex in Verbindung zu bringen, bevorzugen Deutsche, Schweizer und Österreicher Exkrementelles. Eine kleine Reise durch unsere aufregende Welt des Fluchens.
Von Hans-Martin Gauger
Warum bezeichnen unsere Sprachen etwas, das einem nicht gefällt, also etwas Negatives, mit einem Ausdruck, der sich auf Sexuelles bezieht? Es ist doch zumindest nicht selbstverständlich. Nun, es war in den achtziger Jahren, dass ich zum ersten Mal darauf stiess und staunte. Ich schrieb darüber einen Aufsatz «Negative Sexualität in der Sprache», der 1986 erschien. Und bald danach nahm ich mir vor, mit einem Buch auf das Thema zurückzukommen. Dies geschah... » Mehr
Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums. Zürich: Diogenes, 2013.
Von Serena Jung
Urs Widmer ist 45 Jahre alt und wohnt, so steht es in seinen Poetikvorlesungen, im Land der Dichter. Dort, wo es noch hell ist. Andere, die «Ungewisseren», wohnen bereits im Zwielicht, und wenige nur sind im «Schwarzen», am Abgrund, angesiedelt. Nun hat sich Widmer in seiner Autobiographie genau dorthin aufgemacht, zum Abgrund, hat also eine «Reise an den Rand des Universums» angetreten, dahin, wo Robert Walser und Hölderlin wohnen und Kafka... » Mehr
Norbert Gstrein: Eine Ahnung vom Anfang. München: Hanser, 2013.
Von Silvia Hess
Es bleibt immer ein fehlender Rest. Es gibt immer ein nicht benennbarer und doch fühlbarer Teil in jeder Biographie, und wer versucht, zurückzufinden zum Ursprung einer Entwicklung, wer Ausschau hält nach Zeichen des Anfangs, wird immer an Grenzen stossen. Mit was wir uns zufrieden zu geben haben, ist «Eine Ahnung vom Anfang». 
Die Leerstelle, Norbert Gstrein bezeichnet sie in einem Interview als «leere Mitte», ist der Ort, den er literarisch... » Mehr
Christoph Keller: Übers Meer. Zürich: Rotpunkt, 2013.
Von Michael Harde
Weg mit den Alpen, «freie Sicht aufs Mittelmeer!» Nicht, dass ich ihn vermisst hätte in den letzten dreissig Jahren, aber es ist trotzdem nett, diesem Spruch einmal wieder zu begegnen. Christoph Keller hat ihn exhumiert für seinen zweiten Roman «Übers Meer» und beginnt zeitgerecht im Jahr 1980, in der halb verfallenen Villa Hackedorn. Zehn junge Leute besetzen das leerstehende Gebäude, unter ihnen Astér, die ewig linke Träumerin, und... » Mehr
Joël Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert. München: Piper, 2013.
Von Olivier Christe
Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert» stand etwas schief in der französischen Literaturlandschaft. Schief heisst in diesem Fall: «amerikanisch». Ein «amerikanischer» Roman eines Schweizer Schriftstellers in der Endauswahl des wichtigsten französischen Literaturpreises, des Prix Goncourt: plötzlich war das Phänomen Joël Dicker in aller Munde. Der Autor wurde über Nacht zu einem Star. Dass der Pariser Verleger Bernard de... » Mehr
Alex Capus: Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer. München: Hanser, 2013.
Von Pablo Haller
Zürich Hauptbahnhof, November 1924: Laura d’Oriano, das dreizehnjährige Mädchen, das im umgeleiteten Orientexpress Zigaretten raucht. Der neunzehnjährige Felix Bloch, der vor vier Monaten die Matura ablegte und auf Wunsch des Vaters an der ETH Maschinenbau oder Ingenieurwissenschaften studieren soll. Emile Gilliéron, Kunstmaler, dessen Vater gleich hiess und dasselbe tat wie er. D’Oriano wird 1943 – als einzige Frau – im faschistischen Italien... » Mehr
Roger Monnerat: Das Marienbadspiel und ein Mercedes für Marjampole. Zürich: bilger / fleurs de benbil, 2013.
Von Michael Harde
Marienbad – da war ich schon. Freud auch, Schnitzler, Twain, Ibsen, Richard Wagner, Thomas Edison, Maxim Gorki, der kränkliche Kafka sowieso. Günter Grass begab sich dort 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft, Goethes amouröse Avancen wurden abgewiesen und er verfiel in eine ganz grosse Elegie, Chopin hingegen fand vor Ort seine grosse Liebe. In seinem neusten «Bericht» mit dem Titel «Das Marienbadspiel und ein Mercedes für Marjampole»... » Mehr
Linus Reichlin: Das Leuchten in der Ferne. Berlin: Galiani, 2013.
Von Liliane Studer
Moritz Martens’ Hochzeiten sind definitiv vorbei. Früher war er ein gefragter Kriegsreporter, der für seine Geschichten viel Lob erntete, nun interessiert sich niemand mehr dafür, er ist müde, ausgelaugt. Das Geld fehlt, die Ehe ist längst geschieden, die Affären öden ihn nur noch an. Doch dann trifft der 53jährige auf Miriam, und zwar an einem Tag im Mai im Warteraum des Bürgeramtes. Miriam, Khalili mit Nachnamen, lädt ihn zu Spaghetti... » Mehr
Claude Cueni: Der Henker von Paris. Basel: Lenos, 2013.
Von Robin Bretscher

Egal, wie gross dein Schmerz ist, keiner wird dich hören.» – Schafott, Schwert, Strick, Zange, siedend heisses Wasser oder Öl, Fallbeil: Nichts als profane Werkzeuge der getreuen Pflichterfüllung eines Nachkommens der Familie Sanson, einer der berühmtesten Henkersdynastien in der Geschichte Europas. Der «Monsieur de Paris», Charles-Henri Sanson, angehender Henker in der vierten Generation, jedoch will sich der blutigen Tradition entgegenstellen. Arzt... » Mehr
Peter Stamm: Nacht ist der Tag. Frankfurt a.M.: S.Fischer, 2013.
Von Silvia Hess
Sie ist wieder da, Peter Stamms Sprache, diese schlichte, scheinbar kunstlose Diktion. Und auch die zumeist weibliche Hauptfigur steht wieder im Zentrum des Geschehens. Peter Stamms neuer Roman «Nacht ist der Tag» weckt ein glückliches Wiedererkennungsgefühl – doch dann schleicht sich nach und nach ein Fremdeln ins Frohlocken. 
Sehr schnell jedenfalls ist klar, dass Gillian, die Protagonistin, das Gesicht verliert – im doppelten Sinn. Die... » Mehr
Bern – Como: 4 Std. 19 Min.
Von Francesco Micieli
Die Einladung einer der besten Gastgeberinnen der Welt, Frau Prof. I.I., an einen der schönsten Orte der Welt kann man nicht abschlagen, obwohl man sich nicht so fühlt, wie die Anrede verspricht: «Europäische Exzellenz». Und so sitze ich im Zug auf dem Weg zum Comer See, zur Villa Vigoni bei Menaggio, mit mir ein Buch, what else?, ein Gedichtband von Bettina Kaelin: «Das Wasser trägt uns» (Waldgut).
«Wir nehmen behutsam / den letzten Schluck... » Mehr
Exklusiv: Der Gewinnertext des ersten TREIBHAUS-Literaturwettbewerbs
Von Gabriela Pereira
Die Schachtel hätte sie nicht beachtet, wäre das Rabenpaar nicht gewesen. Sie schmunzelte, denn die Vögel verhielten sich sehr clever. Sie lag eingebettet in Abfallsäcken, die aufgetürmt waren. Ein Holzgestell, dessen oberstes Brett die Sicht in die aufgeklappte Schachtel erlaubte, stützte den schrägen Haufen. Dinge, für Säcke zu sperrig, umspielten das Gebirge, sorgten für Farbtupfer, ganz am Rande. Vor allem das Dreirad in...
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Übersetzt aus dem Italienischen von Barbara Sauser.
Von Pietro De Marchi
Sprechanlage blieb stumm. Nach ein paar Augenblicken ging die Tür aber plötzlich auf, und als sie hinter uns wieder zufiel, standen wir in einem weiträumigen, dunklen Hauseingang. Links eine steinerne Treppe mit einem Eisengeländer, wir stiegen zögernd hinauf und erblickten im ersten Stock eine hölzerne Tür mit dem Schild «PENSIONE FELICI». Wir klingelten noch einmal, und beinahe sofort öffnete uns eine grosse, magere Frau undefinierbaren... » Mehr
Wie mich der Roman «Schlaflose Nacht» von Alice Rivaz über meine Familie grübeln lässt und mir im Morgengrauen das Dilemma zwischen Selbstverwirklichung und Fürsorge vor Augen führt.
Von Christof Moser

(c) Christof Moser

Da liege ich jetzt, seit Stunden schon. Es ist nach drei Uhr nachts, und ich starre an den Decken-stuck meines Zimmers. 21 filigran gemörtelte Eichen-blätter, dazwischen stilisierte Hopfendolden. Draussen lärmt die Spassgesellschaft. An Schlaf ist nicht zu denken. Genau so wie geplant.
Schlaflosigkeit kenne ich nicht. Ich bin kein Grübler, der im Gewirr seiner Gedanken keinen Schlaf findet. Ich lege mich hin, und keine fünf Minuten später bin ich weg. Deshalb habe...
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Schöne Schweiz. Beautiful Switzerland. Zürich: Applaus-Verlag, 2013.
Von Markus Rottmann
Zu den besten Bergtouren gehören jene, auf denen man einfach stehen geblieben ist. Irgendwo zwischen dem Weitweg, wo man hinwollte, und dem Alles, von dem man wegwollte. Plötzlich findet man sich liegen geblieben auf einer Wiese wieder. An einem moosbewachsenen Fels. Auf einer Lichtung, die sich vor allem im Kopf aufgetan hat. Bei der Rückkehr gibt’s von keinem Gipfel zu berichten, man könnte nicht einmal genau sagen, wo man gewesen ist, aber der Blick hat sich dennoch... » Mehr
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